Kraftklub – Keine Nacht für Niemand

Die vergangenen Alben der Band mit K haben mich zu ihrer Zeit nicht wirklich überzeugt. Ich fand den größten Teil der Lieder immer langweilig und inhaltsleer. Aus diesem Grund habe ich das neue Album jetzt nicht gerade sehnsüchtig erwartet. Aber der Titel und das Albumcover haben mich dann doch überzeugt, mir das mal anzuhören.

Es fällt sofort auf, dass sie ihren Stil im großen und ganzen beibehalten haben. Ihr Mix aus Poppunk und Sprechgesang hat sich bewährt und funktioniert auch hier wieder. Die 12 Songs gehen gut runter, mit viel Abwechslung (manchmal variiert Felix sogar seine Stimmlage), einigen musikalischen Höhepunkten (Hausverbot, Venus, Liebe zu dritt) und ohne ganz schlimme Aussetzer. Das macht bestimmt alles ganz gut Stimmung, allerdings gab es jetzt auch keinen Song der mich so richtig mitgenommen hätte. Das kratzt alles nur so ein bisschen an der Oberfläche.

Aber was mich sowieso viel mehr interessiert sind die Texte. Thematisch bewegen die sich zwischen Party, ein bisschen Gesellschaftskritik und seeehr viel geschnulze. Man zelebriert sein arrogantes Verlierer-Image, macht sich über alle anderen lustig und heult dann rum, dass man mit dem Verhalten langfristig keine Frau abbekommt. Und irgendwie schaffen sie es dabei auch noch, nicht allzu unsympathisch zu wirken (auch wenn es ja beim Release von „Dein Lied“ schon eine kleine Kontroverse gab). Die Gesellschaftskritik, die sie anbringen ist treffend, aber jetzt auch nichts neues. Die Message lässt sich runterbrechen auf: „Rechte Verschwörungstheoretiker sind Vollidioten und Businessleute auch und unsere Generation hat verlernt, richtig zu feiern.“

Und damit komme ich zu meinem Hauptkritikpunkt (Na gut, eigentlich ist es kein wirklicher Kritikpunkt sondern eine Inhaltliche Anmerkung). Die von Kraftklub attestierte mangelnde Feierlaune deckt sich so überhaupt nicht mit meinen Erfahrungen. Zumindestens bei den Leuten die ich so kenne geht es eigentlich nur um Party und saufen. Teilweise ist das bei mir ja nicht anders. Aber ich habe das Gefühl, dass es sich bei vielen hierbei um reinen Eskapismus handelt. Solang die bunten Lichter und der Bass da sind hat man keine Gehirnkapazität frei, um sich Gedanken über die Welt zu machen und was in ihr so alles falsch läuft. Und trotzdem hängt dem Nachtleben dieser ruchlose Hauch von Rebellion an. Der Titel „keine Nacht für Niemand“ fasst das eigentlich sehr schön zusammen. Es geht um das Nachtleben, um Drogen, um Clubs, letztendlich um den selben Hedonismus, der in allen Schichten der Gesellschaft verbreitet ist und der so perfekt zu unserem System passt. Nur die“Ton Steine Scherben“-Homage erinnert an eine Zeit, in der junge Menschen noch gesellschaftliche/politische Veränderungen herbeiführen wollten. Das wollen Kraftklub nicht, obwohl sie mit dem Image kokettieren. Klar, gibt es mal einen Seitenhieb gegen rechte Wutbürger und gegen Anzugträger, die nur für ihren Job leben. Aber dieser Unmut verpufft letztendlich sehr schnell wieder und mutiert zu Realitätsflucht. ABer mehr als das will Kraftklub wahrscheinlich auch nicht. Immerhin machen sie relativ gute Musik und sind damit erfolgreich. Und das will bei dem sonstigen Musik-Mainstream hier in Deutschland schon was heißen.

Halt die Fresse, Joris

Und immer, wenn es Zeit wär, das Radio auszumachen

verpass ich den Moment und kriege Brechreiz.

Das Essen will raus,

Der Magen sagt geh.

Herz über… – *kotz*

Ja, ich höre manchmal Radio. Ja, ich weiß, ich müsste mir das nicht antun, aber dann würden mir ja Perlen wie Herz über Kopf von Joris entgehen. Falls es jemanden gibt, der dieses Lied noch nicht kennt: Ich beneide euch. Aber tut mir Leid, da müsst ihr jetzt durch:

Mein Hauptproblem ist ja nicht mal, dass der Song musikalisch gesehen extrem langweilig vor sich hin dümpelt, oder dass das Thema sowie das Musikvideo so ekelhaft Klischeedurchtränkt ist. Nein, mein Hauptproblem ist dass der Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl erst durch diese ganzen neuen deutschen Hipster-„Poeten“ wieder aufgebauscht wird. So ein Scheiß kommt halt dabei raus, wenn man kein wirklich spannendes Gefühlsleben hat und deshalb nicht weiß, worüber man texten soll. Dann schreibt man halt stattdessen über irgendeinen scheinbaren Konflikt, der nur deshalb voll wichtig und elementar erscheint, weil er seit der Epoche der Romantik unendlich oft durchexerziert wurde. Aber natürlich macht man sich keine eigenen Gedanken zu dem Thema oder zeigt gar neue Aspekte oder Lösungsansätze auf. Am Ende müssten die Hörer ja noch nachdenken.

"Man trennt das Herz vom Verstand. Mit einem Schlag, ganz wortgewandt." 
~Kefka Palazzo

Der Grund, warum der Text vielleicht nicht jedem sofort wie kompletter Bullshit erscheint ist die Sprache, die Joris verwendet. Dass das Herz der Sitz der Seele sei und deshalb irgendwas mit Emotionen zu tun hätte ist leider eine Vorstellung, die sich bis heute in Form von pathetischen Metaphern in unserer Sprache festgesetzt hat. Wenn wir uns aber in Erinnerung rufen, dass wir inzwischen etwas mehr von Anatomie verstehen als noch in der Antike, merken wir auch, dass Verstand und Gefühl gar nicht so weit auseinander liegen. Im Idealfall bilden die beiden eine äußerst praktische Symbiose, bei der die Emotionen dazu dienen ein Ziel zu setzen, während der Verstand dazu dient dieses Ziel zu erreichen. Erklärung: Im Normalfall ist alles, was wir in unserem Leben erreichen wollen durch Emotionen gesteuert. Wir wollen finanzielle Sicherheit, um einen unbeschwerten Lebensstil pflegen zu können. Wir wollen genug Freizeit haben, um uns Spaß im Leben zu gönnen. Wir wollen gute Beziehungen mit Freunden und/oder romantischen Partnern führen, und so weiter. Um dieses schreckliche Geschwurbel mal abzukürzen: Wir wollen glücklich sein. Die landläufige Meinung ist nun, dass Nachdenken und übermäßiges Reflektieren dem im Weg stünde. Ich glaube eher dass die meisten Menschen einfach nicht genug oder eben falsch nachdenken. Man darf natürlich über die ganzen Abstraktionen die man da so macht (in unser Gesellschaft vornehmlich das liebe Geld) nicht vergessen was denn jetzt das Ziel unseres Handelns war. Denn sonst kommt man beispielsweise in die absurde Situation, etwas zu arbeiten, woran man keinen Spaß hat, nur um Geld zu verdienen, was man dann theoretisch nutzen könnte um seine kaum vorhandene Freizeit zu gestalten. Das Problem, dieser Menschen, die für das Bauchgefühl plädieren ist also nicht, dass sie zu viel denken, sondern dass sie nicht zielgerichtet genug denken. Wenn man sich natürlich von der Gesellschaft einreden lässt, dies und jenes unbedingt zu brauchen, wird man selbstverständlich nicht glücklich. Aber das liegt dann nicht an Verkopftheit, sondern an Dummheit (oder auch selbst verschuldete Unmündigkeit).

Aber Joris gibt uns in seinem äußerst tiefgründigen Machwerk ja ein viel komplexeres Beispiel für den Herz-Kopf-Konflikt: Die Liebe. Das Lyrische Ich steckt in einem Dilemma. Soll es den Versuch wagen, eine vergangene Liebschaft wiederzubeleben? Oder soll es einen entgültigen Schlussstrich ziehen? Letztendlich ist das eine recht einfache, binäre Frage: bleiben, oder gehen? Moment, das hab ich doch irgendwo schon mal ganz ähnlich gehört. Nur halt in besser. Mhhh… Naja, wie auch immer. Wie löst unser Protagonist denn jetzt sein Dilemma auf? Aus dem Refrain lässt sich schließen, dass er sich für die Herz-Seite entscheidet, was wahrscheinlich dann auf bleiben hinauslaufen wird. Aber woher will er das durch reines Gefühl wissen? Es könnte sein, dass er mit dieser Entscheidung am Ende noch unglücklicher wird. Der Text legt nicht gerade nahe, dass er vorher noch mal eine Nacht darüber geschlafen hat, oder ähnliches. Angebracht wäre es gewesen, vernünftig die Risiken abzuwägen. Was kann ich gewinnen, was kann ich verlieren (Natürlich im emotionalen, nicht in irgendeinem materiellen Sinne). Wenn man kein kompletter Egoist ist, könnte er sogar noch die Interessen seiner Ex- bzw. ehemaligen Exfreundin mit einfließen lassen. Habe mal irgendwo gehört, dass wäre allgemein ganz sinnvoll, um dauerhafte, gesunde Beziehungen zu führen.

"Wir reden von der großen Liebe, doch wir spüren nichts
Jedenfalls nichts was unserer Vorstellung davon gebührend ist
Ich sag‘s nur ungern, aber die Leute in Hollywood betrügen dich"
~Heartshot

„Aber man kann doch ein so tiefgreifendes Gefühl wie die Liebe nicht einfach so rationalisieren.“ Doch kann man. Ich warte nur auf den Tag, an dem man genug über Neurologie und Hormone weiß, um einen perfekten Verkupplungsalgorithmus zu programmieren. Dieses romantische Bild der Liebe als unendlich komplexe oder gar  übernatürliche Kraft wird dem Wissensstand des 21. Jahrhunderts einfach nicht gerecht. Wir sollten usn langsam mal davon verabschieden.

Was wollte ich jetzt also zeigen, außer das ich ein herzloser, zynischer Bastard bin? Dass man entgegen der allgemeinen Annahme nie zu viel über etwas nachdenken kann. Dass die momentane Popkultur mal wieder im 19. Jahrhundert festhängt und alten romantischen Hirngespinnsten nachjagt. Und dass es trotzdem auch heute noch gute Musik zu diesem eigentlich recht überstrapazierten Thema gibt. Ich frage mich ob es das Wert war, dafür diesen schrecklichen Ohrwurm in kauf zu nehmen, den ich jetzt hab. …lalalala herz über kopf *geht pfeifend ab*

PS. Ich würde mich über Kritik inhaltlicher, formeller oder sonstiger Art freuen. Vielen Dank fürs lesen.

Tschüs

Was wird das hier?

Ein Blog ist immer Ausdruck eines übergsteigerten Mitteilungsbedürfnisses sowie des Gefühls, jeder Mensch auf der Welt würde ein besseres Leben führen, wenn er die erleuchteten Worte des Bloggers lesen könnte. Wenn ein Blogger etwas anderes behauptet, ist er ein Lügner, denn wenn es nicht so wäre könnte er all seine ach so wichtigen Gedanken ja in ein Tagebuch schreiben, sie verdrängen, oder sie einfach still und ohne andere zu nerven im Kopf herumdrehen.

Das allerdings ist für mich schon seit längerem keine Option mehr. Mein Kopf würde sonst irgendwann explodieren, das müsste dann irgendjemand sauber machen und das wäre einfach generell für keinen der Beteiligten besonders schön. Da meine Freunde nun leider nur bedingt an dem Schwall aus Worten, Konzepten, Meinungen, Ideen und begeisterten Schilderungen interessiert sind, der manchmal aus mir herausbricht, musste ich mir andere Opfer suchen. Die Option, in ein Fass auf dem Marktplatz umzuziehen und Passanten mit Fragen wie: „Welche ist die höchste Tugend?“, „Wie kann der Mensch die Glückseeligkeit erreichen?“, oder „Was ist Weisheit?“ zu belästigen, fiel leider weg, weil nicht mehr unbedingt zeitgemäß. Also zog ich in ein Fass auf Twitter, wo sich überraschend schnell um die hundert Leute fanden, die offensichtlich masochistisch veranlagt sind. Anders kann ich mir nicht erklären, warum man sich ellenlange Threads durchließt, mit Sätzen, die sich teilweise über drei oder vier Tweets erstrecken und die dadurch zu einer abschäulichen Syntaxchimäre mutierten. Spätestens wenn es dann zu Diskussionen kam, habe ich endgültig an dem Verstand derer gezweifelt, die sich das freiwillig durchgelesen haben. Man merkt schon, mein Fass auf Twitter lief sehr schnell über. Und deshalb bin ich nun also auf wordpress gelandet. Die 3GB, die ich hier zur Verfügung habe, sind auf jeden Fall schonmal mehr als 140 Zeichen. Aber wie Gedenke ich, diese jetzt zu füllen?

Naja, ich bin Philosoph und kein Orakel. Daher kann ich diese Frage natürlich nur unter der Prämisse beantworten, dass meine Interessen ungefähr die selben bleiben. Momentan lassen sich diese ungefähr in die Bereiche Philosophie, Politik und Musik unterteilen, allerdings mit jeweils sehr großen, sich überlappenden Zonen. Dazu kann ab und zu noch ein bisschen Nerdkram aus dem pen&paper Rollenspielbereich kommen. Falls ihr wissen wollt, in welche Richtung das so ungefähr geht: Ihr kennt ja wahrscheinlich mein Twitterprofil. Falls nicht, sei es hier nochmal verlinkt. Feste Formate oder gar eine Regelmäßigkeit der Posts solltet ihr aber lieber nicht erwarten. Die Frequenz, mit der ich diesen Blog füttern werde ist stark von meiner Motivation, sowie dem Grad meiner momentanen Langeweile abhängig.

Na dann schauen wir mal, was hieraus wird. Ich bitte natürlich um Anregungen, Feedback, Kritik, Hasskomentare, Morddrohungen und so weiter, sonst könnte ich ja auch mit meinem Tagebuch reden.

Tschüs

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